Diverse Leseproben

Die anderen Menschen

Berlin 1975

Unter den Linden
Hand in Hand –
Ein Weg ohne Ziel.
Zwischen den Welten:
ein Tor und – die Mauer.
Fallende Blätter, in
Pfützen der Schimmer
stolzer Fassaden
und Posten, die melden:
Achtung: Kontakt!
Um uns Geschichte:
Im Stechschritt verhallt
neben den Linden
die Gloria
Wilhelms, Adolfs und
Erichs.

Reißt die Mauern ein (1989)


Reißt die Mauern ein,
die uns Deutsche trennen!
Lasst uns Menschen sein,
die sich selbst erkennen,

die nach Zwang und Schmerz
zueinander finden
und im eignen Herz
Trennung überwinden!

Reißt die Mauern ein;
die uns Völker trennen!
Wollen Freunde sein
Und uns Brüder nennen!

Fragt im Rund der Welt
Nicht nach Völkern, Rassen!
Lasst uns, wenn’s gefällt,
an den Händen fassen!

Ächtet die Gewalt!
Lasst die Mauern fallen!
Gebt der Welt Gestalt!
Friede mit uns allen!

Schnecken im Einweckglas

Christrosen


Meine Eltern besaßen ein hübsches Einfamilienhaus auf einer Anhöhe über der Heimatstadt mit einer geräumigen Glasveranda als Wintergarten. Von dort aus betrat man im Freien einen Kiesplatz als Terrasse, auf dem oft Sommermöbel unter einem Sonnenschirm standen. Links, von Fliederbüschen, der grauen Mauer des Nachbargrundstücks und einem großen Sauerkirschbaum umrahmt, sah man den Sandkasten und recht, hinter dem Haus, das Gestell mit der Kastenschaukel, Orte jauchzender Kinderfreude für meine Schwester und mich.
Neben dem Kiesweg, der neben der Glasveranda und dem Nachbargrundstück zum Vorgarten führte, erstreckte sich eine Blumenrabatte. Ich erinnere mich an einen hölzernen grünen Rosenbogen, der den Weg überspannte, und an viele duftende Rosen. Mehr als im Erwachsenendasein war meine Kindheit von Eindrücken des Tast- und Geruchsinns geprägt. So imponierten mir neben den schon erwähnten Rosen im Sommer die süß duftende Pflaumeniris, verschiedene Nelkenarten, Akelei, tränende Herzen und die Weichheit der "Hasenohren".
Fast unbeachtet blieb im Sommer der dicht wachsende Busch der Christrosen, den meine Mutter über alles liebte. "Du wirst ihre Schönheit noch kennenlernen." sagte sie eines Tages zu mir. Und richtig. Als Herbst und Winter hereinfielen und längst der Duft von Rosen, Nelken und Iris verweht war, leuchteten unter Schnee und Eis die weißen Blütensterne der Christrosen. "Es sind Blumen der Hoffnung, daß das Leben stärker ist als der Tod." sagte sie zu mir, und zur Vorweihnachtszeit stand immer eine Vase mit Christrosen neben dem Adventskranz.

In der Kriegs- und Nachkriegszeit erfroren die Blumen, auch die Blumenrabatten fielen dem Gemüseanbau zum Opfer; denn alle Menschen hungerten, aber die Christrosen blühten Winter für Winter.
Gefangenschaft, Vertreibung, Flucht, meine Eltern mußten den Untergang alles dessen erfahren, was für sie Leben und Wert bedeutet hatte. Aber bevor sie die Heimat verlassen mußte, grub meine Mutter einen Wurzelballen Christrosen aus und nahm sie als Handgepäck mit sich. Sie pflanzte sie auf das Grab meines Vaters, der die Gefangenschaft nur kurze Zeit überlebte. Und der Busch wuchs und gedieh auch auf dem gemeinsamen Grab der Eltern, als wir die Mutter 20 Jahre später zu Grabe trugen.

Die Schwester und ich, längst verheiratet, längst mit einer Reihe von Kindern, stehen zur Adventszeit nachdenklich an der mit Reißig abgedeckten Grabstätte mit dem Totensonntagsgesteck und dem offen gelassenen kräftig wachsenden grünen Busch. Und wenn wir unter dem Rauhreif die Blätter beiseiteschieben, sehen wir andächtig die weißen Blütensterne der Christrosen, die Kälte und Winter trotzen, Sinnbilder alles dessen, was bleibt

Zwei halbe Steine

Nie mehr

Sie hatte lange am Bahnhof gewartet, bis Franz kam, ihr Sohn, auf den sie so stolz war. Eine kleine verhärmte Gestalt, schwarz im Gegenlicht, vor den Schneehalden am Wegrand. Januarkälte.
Er küßte sie flüchtig, verstaute den Koffer im Wagen und öffnete die Autotür. Er sagte willkommen, zeigte ihr die heizbare Heckscheibe und den Zigarettenanzünder. Er rauchte beim Fahren.
Er sieht wie Hans, ihr Mann, aus, dachte sie, als er noch jung war. Wie lange war das jetzt schon her! Und sie lehnte sich zurück. Da waren die Schmerzen wieder, vom Herzen ausstrahlend, den linken Arm hinunter, die Hand wie taub. Was hast du? Ach nichts, ich freue mich so, bei euch zu sein!
Türenklappen, Hinausgeleiten, Koffertragen. Schau, da ist Gerda!  Eine junge Frau in Jeans öffnet die Tür. Tag, Mutter, das Zimmer ist geräumt. Max schläft die paar Tage bei uns. Franz, du wirst staunen. Ich habe schon alle Girlanden aufgehängt und die Salate fertig. Wir feiern nämlich heute Fasching. Wo ist Max? Bei seinem Freund, dem wird der Trubel zuviel. Hier herum!
Franz stellt den Koffer im Zimmer des Enkels ab. Poster an den Wänden, Plattenspieler, Stereoboxen, auf dem Schrank ein Flugzeug aus dem zweiten Weltkrieg, der Schreibtisch voller Bücher, an der Wand ein Sessel. Setz dich, mach dir's bequem! Franz, du mußt noch ein paar Einkäufe machen! Ich brauche noch Gurken, Knabbergebäck, Cola... Bis später, Mutter!
Die Wohnungstür fällt ins Schloß. Schon wieder die Schmerzen, viel heftiger als vorher. Bring mir Arznei mit, will sie dem Sohn nachrufen. Aber der hört es nicht mehr.

Das eigene Haus

Sie verdienten gut, Dieter und Mechthild, beide Angestellte in einem chemischen Betrieb: Arzneimittel, Chemotherapie. Und weil es ihr Traum war, ein eigenes Haus zu besitzen, kauften sie ein Grundstück in Stadtrandlage, ein Wäldchen ganz in der Nähe, Ruhe und Entspannung versprechend, für sie und die beiden Kinder, 6 und 2 Jahre alt.
Er erledigte die Bankgeschäfte, schleppte die Baumaterialien herbei, während  sie mit Peter und Max den Boden ausschachtete. Peter, ein Nachbarsjunge, Max, ein Rentner vom Bau und Fachmann, der sich ein Zubrot verdienen wollte. Die Kinder in der Krippe oder bei der Großmutter.
Urlaubszeit. An einem Junitag, eine unauflösbare Dunstglocke hing über der Stadt, die Luft roch nach Chemie und Arzneimitteln, da spürte sie ihn zum ersten Mal, den Schmerz in der rechten Brust. Ach was, seufzte sie und griff die Schubkarre fester, bloß jetzt nicht schlappmachen! Und sie goß Max ein Glas Pfefferminzlikör ein, damit er bei Laune blieb.
Die Fundamente waren gegossen, die Kellerwände gemauert. Das Dröhnen des Zementmixers klang noch in ihren Ohren, während Dieter neben ihr schlief. Da spürte sie wieder den Schmerz. Leise, um Dieter nicht zu wecken, stand sie auf und ging in das Badezimmer. Sie hob ihr Nachthemd vor dem Spiegel. Makellos war ihr Körper, noch schlanker geworden durch die harte Arbeit, nur ihr Gesicht wirkte müde, das Gesicht einer gerade Zweiunddreißigjährigen. Und unter den Fingern spürte sie die harte Stelle in der Brust, die ihr Schmerzen bereitete. Ich muß zum Arzt gehen, durchfuhr es sie. Später, sprach sie zu sich, wenn der Schmerz sich wieder meldete, wenn wir die Wände hochgezogen haben, gehe ich gleich zum Arzt. Und sie goß Max noch häufig Pfefferminzlikör ein, damit er bei Laune blieb. Auch Else, eine Arbeitskollegin, half einmal mit und nahm die Kinder, wenn die Großmutter verhindert war.
Endlich, im September ging sie zum Arzt. Er untersuchte und röntgte sie, machte einen Gewebeabstrich und senkte nachdenklich den Kopf. Ich werde Sie benachrichtigen, sobald ich Gewißheit habe.
Der Baukörper stand, und wohlgefällig betrachteten die Eheleute, daß der Zimmermann schon den Dachstuhl anbrachte, als die Nachricht kam: Sofort operieren, Amputation!-
Mechthild lächelte unter Tränen, als er sie im Krankenhaus besuchte. Der Pfarrer hat mir dieses Bild geschenkt: eine Blume wächst aus einer kahlen Mauer, die Blume "Hoffnung". Aber der Arzt sagte ihm vertraulich: Schon überall Metastasen. Wir müssen sie nochmals operieren und mit Chemotherapie behandeln. Als Dieter darüber nachdachte, ekelte es ihn, seine Besuche wurden seltener. Ich muß mich um den Bau kümmern, sagte er. Und Else schenkte Max jetzt Cognak ein, um ihn bei Laune zu halten.
Mechthild magerte ab, nach der Chemotherapie mußte sie ein Haarteil tragen; denn die Haare waren ihr ausgegangen. Aber immer noch hing das Bild des Pfarrers über ihrem Bett. Sie starb im November.
Dieter zog in das neue Haus ein, mit Else.- Es war ja besser so für die Kinder. Sie gingen nun häufig im Wald spzieren, über dem nur ganz wenig der Geruch nach Chemie und Arzneimitteln hing.