Hemdenwechsel - Leseprobe

Max braucht Wasser


Durch Druck, das Abitur verwehrt zu bekommen, und persönliches Ansprechen der Jugendlichen waren die meisten Mitschüler schon in der 11. Klasse Mitglied der FDJ geworden. Auch ich gab mein Versprechen, nach den Sommerferien in die Jugendorganisation einzutreten. Da ich so lange zögerte, musste ich mich aber wieder „gesellschaftlich bewähren“ und „freiwillig“ für einen Einsatz in der nahen Maxhütte in Unterwellenborn zur Verfügung stehen. In der DDR gab es damals erhebliche Engpässe in der Stahlerzeugung. Deshalb sollte die Kapazität der Maxhütte, die nur durch größeres Wasseraufkommen gewährleistet war, verstärkt werden.
Eine Wasserzuleitung von der Hohenwarte-Sperre wurde nötig, ein Pumpspeicherwerk war im Entstehen. Für die Aktion „Max braucht Wasser“ waren  auch Arbeiterunterkünfte nötig, für deren Bau ich mit gleichaltrigen Schülern einer Maurerbrigade zugeordnet wurde. Bei der Durchführung zeigten sich aber die schon bei vorherigen Einsätzen erlebten System-Schwächen. Mit Heiner, Klaus, Wolfgang und Gerhard stand ich früh rechtzeitig auf der Matte. Und Karle, unser Polier, verteilte in einer Umkleidebaracke Helme und Arbeitsklamotten, hatte aber auch für andere Brigaden viel zu viel zu tun, um sich im Einzelnen um den Fortgang der Arbeit kümmern zu können. Das wirkte sich aus. Mit aufgespannten Bindfäden waren die äußeren Abmessungen der Häuser schon markiert, die Betonbasis fachmännisch gegossen.
Zu diesem Zeitpunkt kam unsere Arbeit zum Einsatz. Auf Schubkarren transportierten wir Mauersteine an. Der Polier zeigte uns, wie gegeneinander versetzt die Steine aufeinander anzuordnen sind, um die Hauswand bis zu den Fenstern hochzuziehen. „Und dazwischen mit der Kelle den Mörtel aus dem Zementmixer einspeisen, damit die Steine zusammenhalten!“ befahl er und ging zum nächsten Grundstück.
„Aber eine Kiste Bier anliefern! Kein Motor läuft ohne Öl“, rief Klaus hinterher. Wir hörten noch sein „Wird gemacht!“, dann verschwand er aus dem Blickfeld. Was nun?
„Das ist also die Kelle“, brummelte Gerhard.
„Und das sind die Steine!“, ergänzte ich.
Heiner: „Und das ist der Mörtel! Also in die Hände gespuckt und angefangen!“
Wolfgang schwieg, aber arbeitete verbissen mit. Er reichte uns die Steine, die wir miteinander vermörtelten. Nun geschah es, dass wir einmal mehr und einmal weniger Mörtel auf der Kelle hatten, was zur Folge hatte, dass die Steine in der Waagerechten einer Berg- und Talbahn glichen.
„Streich mit deiner Kelle den hervorquellenden Mörtel ab!“, befahl Heiner dem bedenklich blickenden Wolfgang.
„Wir müssen die Unebenheiten mit mehr Mörtel ausgleichen!“, riet Klaus. Gesagt – getan. Tatsächlich erreichten wir über den Daumen gepeilt damit eine ungefähr gleiche Höhe. Aber wie sah das aus!?
Wir hatten fast die uns als Soll gesetzte Fensterhöhe auf der Rückwand erreicht, als zwei Mädchen – von uns mit Hallo begrüßt – mit einer Kiste Bier kamen. Mit lautem Plopp öffneten wir die Flaschen und luden sie zum Mittrinken ein. Sie winkten ab, waren aber einem kleinen Flirt nicht abgeneigt. Da nahte Karle und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Das ist Pfusch, was ihr da geliefert habt! Wohl noch nie etwas von der Wasserwaage gehört!“ Er zeigte auf eine Leiste mit einem Fenster und einer Wasserblase in der Mitte, die – von uns unbeachtet – am Boden lag.
Die Mädchen verdrückten sich, während wir kleinlaut unsere Unkenntnis zugaben.
„Was für Idioten hat uns die FDJ-Führung da geschickt? Ich dachte, Ihr seid Oberschüler und (er zuckte mit den Achseln und zog verächtlich die Mundwinkel nach unten) – gebildet!“
Kurz darauf zeigte er uns die Anwendung der Wasserwaage und des Lotes. Dabei erkannten wir, dass sich die Mauer auch schon etwas nach vorne neigte.
„Nun, daran ist jetzt nichts mehr zu ändern! Hauptsache, die Vorderwand bleibt ohne Beanstandung! Ich schicke Euch dafür einen Fachmann vorbei. Und Ihr zieht die Seitenwände hoch, aber mit Wasserwaage und Lot! Verstanden?“ –
„Jawoll!“, kam es wie aus einem Mund. „Und nicht zuviel Bier trinken! Wenn Ihr besoffen seid, wird die Mauer auch krumm!“
Wir arbeiteten nun durchaus effektiver, wenn gleich ein Polier im Westen immer noch vieles an unserer Arbeit auszusetzen gehabt hätte. Auf Befragen der übrigen Brigaden erfuhren wir, dass sich ähnliche Pannen bei anderen Häusern wiederholten. Unter uns nannten wir deshalb die erbaute FDJ-Siedlung „Potemkinsches Dorf“. Es war nach einer Woche entstanden und wurde nun in einem feierlichen Festakt von dem aus Braunschweig importierten Ministerpräsidenten Otoo Grotewohl abgenommen, der eine flammende Rede hielt, wie sehr der Sozialismus der kapitalistischen Welt überlegen sei. (Braunschweig hat auch gewisse andere Politiker auf Deutschland losgelassen.) Nun, alle die bei den Maurerarbeiten malocht hatten, erschienen zu dem Anlass in FDJ-Uniformen. Auch ich genoss das zweifelhafte Vergnügen, das erste und einzige Mal mit einem ausgeliehenen Blauhemd aufzutreten und die Fahne mit der aufgehenden Sonne in der Hand zu halten. (Onkel Holtfort wäre stolz auf mich gewesen; denn ich sang mit voller Kehle das Lied: „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ mit.)
Kann sein, dass der Ministerpräsident beim allgemeinen Händeschütteln auch meine Hand ergriffen hat. Ich dachte nur darüber nach, wie noch gar nicht so viele Jahre vorher Auftritte und Reden von Nazigrößen von uns jugendlichen Versammelten als mitreißend oder „erhebend“ empfunden worden sind.